Die Diakonie Katastrophenhilfe setzte im Jahr 2010 die meisten Mittel für die Opfer der akuten Großkatastrophen in Haiti und Pakistan sowie für die Leidtragenden des Gewaltkonflikts in Somalia ein.
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Erdbeben in Haiti
Beim Erdbeben in Haiti am 12. Januar 2010 handelte es sich um eines der schwersten Beben in der Geschichte Nord- und Südamerikas und um eines der weltweit verheerendsten Erdbeben der letzten zehn Jahre. Die Zahl der Todesopfer lag bei 230.000, rund 300.000 Menschen wurden verletzt und circa 1,2 Millionen obdachlos.
Die schnelle Koordinierung der Hilfsmaßnahmen wurde durch verschiedene Faktoren erschwert: Die Vereinten Nationen waren durch den Tod ihres Führungspersonals und den Einsturz von Gebäuden geschwächt, ebenso die haitianische Regierung. Viele Straßen sowie Hafen und Flughafen in Port-au-Prince waren schwer beschädigt. Letzterer war mit rund 150 ankommenden Hilfsflügen pro Tag zudem völlig überlastet. Schließlich fehlte dem haitianischen Staat jedwede Vorbereitung und Voraussetzung zur Bewältigung einer Katastrophe dieses Ausmaßes. Aufrichtigerweise muss man darum sagen, dass Hilfe nur extrem schwer zu organisieren war – ganz entgegen der Erwartung der deutschen Öffentlichkeit.
Für die Diakonie Katastrophenhilfe war Haiti bereits vor dem Erdbeben ein Schwerpunktland. Aufgrund regelmäßiger Naturkatastrophen unterhalten wir seit 2005 ein Büro vor Ort. So konnten wir die Nothilfe so rasch wie möglich beginnen. Wir konzentrierten uns dabei auf die Region, in der wir bereits zuvor tätig waren: auf die beiden ländlichen Gemeinden Bainet und Jacmel im Departement Sud-Est.
Neben der Versorgung von insgesamt 10.000 Menschen in Notlagern mit dem Nötigsten, begann die Diakonie Katastrophenhilfe schnell mit einem Cash-for-Work-Programm (Geld für Arbeit): Erdbebenopfer räumten für einen normalen Tageslohn die Trümmer der zerstörten Häuser weg, um den Wiederaufbau vorzubereiten. Dank des Einkommens konnten sich die Betroffenen wieder selbst auf lokalen Märkten versorgen und Dienstleistungen (Arzt, Schulbesuch) in Anspruch nehmen. Sie waren nicht mehr auf Nahrungsmittellieferungen angewiesen. Die Stärkung der Selbsthilfefähigkeit war bei dieser ohnmächtig machenden Katastrophe besonders wichtig.
Angesichts der Tatsache, dass Haiti jahrzehntelang von der Völkergemeinschaft vernachlässigt wurde, erschien es uns noch dringlicher als sonst, die Spenden nicht in Übergangslösungen (Transitional Shelters) zu investieren, sondern gleich auf den Wiederaufbau sogenannter permanenter Häuser zu setzen. Um möglichst viele Häuser vor der Hurrikan- Saison fertig zu stellen, legten wir bei der Planung und dem Bau ein hohes Tempo vor.
Uns ist es wichtig, beim Wiederaufbau Vorsorge- und Schutzmaßnahmen gegen wiederkehrende Katastrophen zu treffen. Beim Bau der Häuser in Haiti konnte die Diakonie Katastrophenhilfe an frühere Erfahrungen anknüpfen: Von 562 Häusern, die wir in Haiti nach den Hurrikans von 2008 sturmsicher wiederaufgebaut hatten, haben fast 90 Prozent das verheerende Beben unbeschadet überstanden. Bis März 2011 wurden insgesamt 842 Häuser repariert oder wiederaufgebaut – außerdem drei Schulen und eine Gesundheitsstation.
Die Diakonie Katastrophenhilfe unterstützte ferner die Bevölkerung in den Gemeinden Bainet und Côtes-de-Fer bei der Nahrungsmittelproduktion – nicht zuletzt damit sich Familien, die Flüchtlinge aus dem Erdbebengebiet aufgenommen hatten, besser versorgen konnten. Bereits seit einiger Zeit hatte die Diakonie Katastrophenhilfe lokale Zivilschutzkomitees für den Katastrophenfall ausgebildet. Nach dem Erdbeben lieferten sie die besten Schadens- und Bedarfserhebungen in der Region und sorgten so für einen raschen Beginn der Hilfsmaßnahmen. Aufgrund der Erfolge wurden die Katastrophenvorsorgemaßnahmen mit dem lokalen Zivilschutz verstärkt.
Flutkatastrophe in Pakistan
Auch die Flutkatastrophe in Pakistan war von ihrer Dramatik her einmalig: Die Überschwemmungen, die entlang des Indus und zahlreicher Nebenflüsse große Schäden anrichteten, trafen bis zu 20 Millionen Menschen. Rund 1,8 Millionen Häuser wurden schwer beschädigt oder zerstört.
Die Diakonie Katastrophenhilfe verfügt über sehr viel Erfahrung, Landeskenntnis und gewachsene Partnerbeziehungen in Pakistan, da sie nach dem Beben in Kaschmir ein weitreichendes Hilfsprogramm mit über 8 Millionen Euro umgesetzt hatte und seitdem mit einem eigenen Büro vor Ort vertreten ist. In den vergangenen beiden Jahren haben wir Flüchtlinge und Rückkehrer in der Nordwestprovinz unterstützt, die im Frühjahr 2009 vor Kämpfen zwischen der Regierungsarmee und militanten Gruppen im Swat-Distrikt geflohen waren. Die Überschwemmungen haben sie erneut entwurzelt, denn der Swat-Distrikt war besonders schwer von der Flut betroffen. Aufgrund des Ausmaßes der Not und unserer guten Ortskenntnis haben wir unsere Arbeit im Wesentlichen auf die Nordwestprovinz konzentriert. Rund 95.000 Menschen erhielten Nothilfe und ab Oktober Saatgut und landwirtschaftliche Geräte, um vor dem Winter noch eine Aussaat zu ermöglichen. Ebenso erhielten sie Überwinterungshilfe. Für 2011 ist ein auf mehrere Jahre angelegtes, großes Wiederaufbauprogramm geplant. Verantwortungsvolle lokale Partner sowie eine enge Begleitung stellen die korrekte Umsetzung der Projekte vor Ort sicher. Mit politischen Beschränkungen hatten wir kaum Probleme, da aufgrund der Erfahrung mit unserer Arbeit unsere politische Neutralität anerkannt ist. Ferner ist bekannt, dass wir Menschen rein nach dem Grad ihrer Hilfsbedürftigkeit unterstützen und keine weiteren Bedingungen daran knüpfen. Dies immer wieder klarzustellen, ist uns wichtig.
Gewaltkonflikte in Afrika
Mit Hilfe von Drittmitteln der EU und der Bundesregierung und dank des Engagements vieler privater Spender leistete die Diakonie Katastrophenhilfe umfangreiche Nothilfe und – wo möglich – entwicklungsorientierten Wiederaufbau im Gesamtumfang von fast 7 Millionen Euro in den vergessenen, aber höchst dramatischen Katastrophen Afrikas: in Somalia, im Sudan, im Tschad und in der Demokratischen Republik Kongo.
In Somalia dauert die akute humanitäre Krise an: Über ein Drittel der Bevölkerung braucht Nothilfe, doch nur ein geringer Teil des Bedarfs kann gedeckt werden. Für die Diakonie Katastrophenhilfe bleibt es das Land in Afrika, in dem die umfangreichsten Programme umgesetzt werden – trotz großer Gefahren für die einheimischen Helfer. Im Tschad startete ein Projekt zur Wiedereingliederung von Rückkehrern, die nach den Gewaltkonflikten 2007 geflohen waren. Im Osten der Demokratischen Republik Kongo konnte Anfang des Jahres die Arbeit in der Provinz Orientale beendet werden. In den Provinzen Nord- und Süd-Kivu wurden neue Projekte begonnen, da dort infolge anhaltender Gewaltkonflikte weiter dringender Bedarf für Nothilfe besteht.
Zusammenarbeit stärken
Anfang 2010 entstand aus dem Nothilfebündnis ACT International und dem Entwicklungshilfebündnis ACT Development die ACT Alliance (Action by Churches Together), eines der weltweit größten Bündnisse für Humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit. Über 100 protestantische, anglikanische und orthodoxe Kirchen und ihre Hilfswerke sind Mitglied. Ziel der ACT Alliance ist die Stärkung der Kapazität ihrer Mitglieder im Katastrophenfall sowie die Sicherstellung nahtloser Übergänge von Nothilfe, Rehabilitation, Entwicklung und Katastrophenprävention. Ferner soll die Allianz dazu beitragen, die Mitglieder weiter zu qualifizieren und die Arbeit der lokalen und ausländischen Mitglieder im Katastrophenfall noch effektiver zu vernetzen. Schließlich gilt es den politischen Einfluss der ACT Alliance hinsichtlich des Rechts der Menschen auf Humanitäre Hilfe und der Neutralität von Humanitärer Hilfe zu stärken – auch und gerade in Gewaltkonflikten. Cornelia Füllkrug-Weitzel, Direktorin von Diakonie Katastrophenhilfe und "Brot für die Welt", wurde im Oktober 2010 zur Vorsitzenden des globalen Aufsichtsrates des neuen Bündnisses gewählt.
Pfarrerin Cornelia Füllkrug-Weitzel
Direktorin Diakonie Katastrophenhilfe
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