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Interview mit Hannelore Hensle, der Leiterin der Diakonie Katastrophenhilfe 

"Glaubwürdigkeit ist das Wichtigste"

Frau Hensle, Sie leiten die  Diakonie Katastrophenhilfe seit mehr als 20 Jahren.  Wenn Sie zurückblicken: Wie hat sich Ihre Arbeit verändert?

Die Rahmenbedingungen sind heute anders – und damit die Art unserer Hilfe. Zum Beispiel sind heute die Kommunikationsmöglichkeiten besser, logistische Probleme sind oft einfacher zu lösen, in vielen Ländern gibt es einen funktionierenden Katast-rophenschutz. Gleichzeitig sind die Anforderungen an die Katastrophenhilfe maßlos gestiegen: Die Abstände zwischen den Katastrophen werden immer kürzer, die Schäden immer größer. Aber auch der Wettbewerb unter den Hilfsorganisationen ist härter geworden. Oft gerät dabei der Mensch in seiner Not aus dem Blickfeld.

Wie arbeitet die Diakonie Katastrophenhilfe?

Wir haben uns nie nur als barmherzige Samariter verstanden und leisten seit Jahren mehr als akute Nothilfe: Unsere Aufbaumaßnahmen verhelfen den Menschen wieder zu einem Dach über dem Kopf. Und ganz wichtig: Wir versuchen gezielt, ihnen Chancen für eine Existenzsicherung aus eigener Kraft zu eröffnen. Wir wollen weni-ger „betreuen“ und mehr „befähigen“. Die Einsicht, dass eine dem jeweiligen Kontext gerecht werdende humanitäre Hilfe ursachenbezogen sein muss, enthielt schon un-ser Leitfaden "Nahrungsmittelhilfe in Katastrophenfällen" von 1982. Darin heißt es wörtlich: „Not- und Katastrophenhilfe wird damit zum systematischen Bemühen, die existenzbedrohenden Folgen von Ereignissen der verschiedensten Art und Intensität für einzelne Gruppen und Bevölkerungsteile zu mildern und/oder die Ursachen zu beseitigen helfen“.

Um damit ähnliche Katastrophen in Zukunft zu verhindern?

Nein, wir können Katastrophen nicht verhindern. Aber wir können dazu beitragen, Not und Elend zu lindern und das Ausmaß der Schäden zu begrenzen. Dazu dienen gezielte Maßnahmen der Katastrophenvorbeugung, etwa taifunresistente Schutzbau-ten, robustes Saatgut in Dürregebieten, rechtzeitige, am konkreten Bedarf ausgerich-tete Hilfe im Vorfeld einer drohenden Hungersnot. Und wir können Perspektiven für die Zukunft aufzeigen. Gerade bei von Menschen gemachten Katastrophen,  bei ge-waltsamen Konflikten, müssen Maßnahmen so angesetzt sein, dass friedliches Zu-sammenleben wieder möglich wird. Uns ist es wichtig, ein Stück Weges mit den Not Leidenden zu gehen – ein Weg, der aus der Misere herausführen hilft, Mut gibt für einen Neuanfang.

Was hat sich nicht verändert in den 20 Jahren?

Noch immer gilt: Katastrophen treffen die Ärmsten am härtesten. Als kirchliche Ein-richtung bemühen wir uns besonders um die Schwachen,  um Alte, Behinderte, Frauen und Kinder – in der Sorge um diese Menschen hat die Diakonie ihr ureigens-tes Mandat. Unverändert blieb über die Jahre auch unser eigener hoher Anspruch an die Glaubwürdigkeit unserer Arbeit: Wir sind neutral und orientieren uns ausschließ-lich daran, was die Menschen in Not brauchen, auch wenn das manchmal nicht tele-gen ist. Natürlich sind wir auf Spenden und öffentliche Mittel angewiesen, aber wir geben unsere Grundprinzipien dafür nicht auf. Das Recht auf humanitäre Hilfe darf nicht politischen Machtinteressen zum Opfer fallen.

Sind Sie deshalb so zurückhaltend, was die Zusammenarbeit mit militärischen Nothelfern angeht?

Auch. Kooperationen zwischen zivilen und militärischen Organisationen werden in der Nothilfe ja zunehmend ein Thema. Wir sperren uns nicht gegen eine sporadische Zusammenarbeit, wenn diese im Interesse der Opfer wirklich Sinn macht. Aber wir haben ein Problem, wenn die Dinge aus dem Lot geraten: Da brüsten sich plötzlich kriegführende Militärs mit ihrem humanitären Engagement für die Menschen, die sie eben noch bombardiert haben, da betätigen sich humanitäre Hilfsorganisationen als Minenräumkommandos. Beides mag sich gut vermarkten lassen, aber eigentlich stimmt da doch was nicht, oder? Humanitäre Hilfe und militärische Aktionen dürfen nicht vermischt werden, ebenso wenig wie humanitäre Hilfe und Missionierung. Bei allem, was wir tun, gilt es, die Unabhängigkeit der humanitären Hilfe zu wahren. Mehr denn je müssen wir die Gräben überwinden, die der 11. September 2001 zwischen Christen und Moslems geschlagen hat.

Auch da zeigt sich, dass es im Konkurrenzkampf um Spenden zunehmend här-ter zur Sache geht ...

... und dass man eben deshalb um so mehr auf die eigene Glaubwürdigkeit achten muss. Für uns müssen Wort und Tat übereinstimmen. Wir lassen Not leidende Men-schen nicht im Stich, nur weil im Fernsehen nicht mehr über das Notgebiet berichtet wird. Aber Sie haben recht: Die Konkurrenz um die Aufmerksamkeit der Spender ist heute um ein Vielfaches größer als vor 20 Jahren, zumal auch immer mehr ausländi-sche Organisationen hier in Deutschland aktiv werden. Die Diakonie Katastrophenhil-fe hat auf diese – absehbare – Entwicklung früh und konsequent reagiert: Wir setzen seit Jahren auf die Qualifizierung und Professionalisierung unserer Arbeit. Da wir uns als Teil des weltweiten kirchlichen Netzwerks sehen, bedeutet das auch: Qualifizie-rung und Professionalisierung unserer Partner vor Ort. Und da sind in den vergange-nen 20 Jahren wirklich bemerkenswerte Fortschritte erzielt worden. Um die Kompe-tenz und Erfahrung vieler unserer Partnerorganisationen beneidet uns mancher Mit-bewerber.

Ist den Spendern denn diese konsequente Haltung zu vermitteln?

Meiner Erfahrung nach: ja. Unser Spenderkreis ist recht stabil, wir können uns auf viele treue Spender verlassen. Selbstverständlich betreiben wir Öffentlichkeitsarbeit. Aber wir wollen seriös und wahrheitsgemäß informieren und verzichten auf Sensati-onsmache. Weil wir wissen, dass die Spendenhöhe direkt abhängig ist von der Be-richterstattung in den Medien, arbeiten wir gezielt daran, auch so genannte „verges-sene Katastrophen“ immer wieder ins Blickfeld zu rücken. Mir persönlich war es im-mer ein Anliegen, den Menschen „hier“ die Menschen „dort“ näher zu bringen. Das ist natürlich der schwierigere Weg. Aber ich denke, diese Anstrengung sind wir den Menschen in Not schuldig.

Sie haben im Lauf der 20 Jahre viele Katastrophengebiete selbst besucht. Was war Ihr eindrücklichstes Erlebnis?

Da gibt’s natürlich unzählige Episoden, die mir spontan einfallen. Und vor allem: so viele beeindruckende Menschen, die ich kennen gelernt habe, Menschen, die trotz unglaublicher Not und für uns unvorstellbarem Elend den Mut nicht verloren haben, Menschen, die sich in all dem Chaos ihre Würde und ihr Feingefühl bewahrt haben. Wie zum Beispiel ein junger Mann aus Tigray. Er hatte während einer alptraumhaften Reise durch Eritrea mitten im Befreiungskrieg für unsere Sicherheit zu sorgen. Ich kann Waffen nicht leiden und mache daraus auch keinen Hehl. Waffen machen mir Angst – und er hat das wohl auch ohne Worte gespürt. Während einer Rast setzte er sich mir gegenüber, wie immer das Gewehr im Anschlag. Dann blickte er auf, sah mich an, stand wortlos auf und stellte das Gewehr hinter den nächsten Baum...

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